Panik vor der Dirty Bomb?

von Herr Schwaner am 25.09.2007, in: Res publica

Als Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble (CDU) vor einigen Tagen mit seiner Meldung über die Wahrscheinlichkeit eines Terrorangriffs mit Nuklearmaterial warnte, spielte er mit der Angst der Menschen vor dem Terror, um die Stimmung in der Bevölkerung gegen die Gegner einer ausgeweiteten Sicherheits- und Überwachungspolitik weiter zu schüren. Auch die Abmilderung nur von “Schmutzigen Bomben” gesprochen zu haben, also dem Einsatz radioaktiver Materialien mit konventionellem Sprengstoff, deckt den Wahrheitsgehalt einer Gefährdung nicht auf: Humbug und vor allen Dingen kontraproduktiv.

Hierzu einige Zitate aus Stellungnahmen des Bundesamtes für Strahlenschutz:

“Dem Bundesamt für Strahlenschutz (BfS) liegen keine Erkenntnisse vor, nach denen “Schmutzige Bomben” in Deutschland eine reale Bedrohung darstellen [...] “Schmutzige Bomben” würden demnach selbst in unmittelbarer Nähe zum Freisetzungsort aus radiologischer Sicht keine Gesundheitsgefährdung für große Teile der Bevölkerung hervorrufen [...] Sie würden aber voraussichtlich zur großen Besorgnis in der Bevölkerung führen und - aus Unkenntnis über die tatsächlichen Gefahren - zu Überreaktionen.” (Strahlenschutz bei der Verwendung von radioaktivem Material (”Schmutzige Bombe”) in Verbindung mit konventionellem Sprengstoff, BfS, [viaWeb.Archive.Org])

Gerade weil eine Schmutzige Bombe weitaus harmloser ist (Ausnahme eine mit Plutonium-239 bestückte Bombe), als die Politik weismachen will, liegt die Gefahr in der Panik der Bevölkerung. Dazu das BfS:

“Die Explosion einer Schmutzigen Bombe würde aber voraussichtlich zu großer Besorgnis in der Bevölkerung führen und – aus Unkenntnis über die tatsächlichen Gefahren und die Assoziationen mit atomaren Explosionen – zu Überreaktionen [...] Für den Laien ist die von einer Schmutzigen Bombe ausgehende Strahlung eine unbekannte Größe. Die Mechanismen der wahrscheinlichen Reaktion der Bevölkerung sind bekannt: Assoziationen mit bekannten Folgen radioaktiver Strahlung führen zu psychosozialen Effekten wie Unsicherheit (Autoritarismus, Aggression), Überforderung (Distress, Überlauf), Angst und überschießenden Reaktionen (Hysterie, Hyperaktivität und Überkommunikation)” (BfS, Schutz der Bevölkerung vor den Folgen einer Schmutzigen Bombe, Wolfram König, [via])

Die Vorstellungen einer Vorsorgestrategie seitens des Bundesamtes für Strahlenschutz liegen daher den Vorstellungen des Bundesinnenministeriums zur Durchringung der eigenen Sicherheitskonzepte auch diametral gegenüber:

“Die Glaubwürdigkeit und damit die Handlungsfähigkeit der staatlichen Organe kann in solchen Situationen Schaden nehmen. Aufklärung über die tatsächliche Bedrohung, deren Abwehr sowie – hoffentlich niemals – die Folgenbeherrschung sind daher die logischen weiteren Bausteine einer umfassenden Vorsorgestrategie.” (ders., s.o.)

Denn bereits im Vorfeld Panik zu machen, die Bevölkerung hätte noch Zeit, ein Schoppen zu sich nehmen, sind gewiss nicht im Sinne der Strahlenschützer, die die Folgen einer Panik unter der Bevölkerung nach einem Anschlag als gefährlicher einschätzen als die Folgen eines — derzeit nicht wahrscheinlichen — Anschlages. Der Spiegelfechter wählt den richtigen Titel für seinen inspirierenden Artikel: “Dreckige Panikmache mit schmutzigen Bomben” — die eigentliche Schmutzige Bombe ist die Panikmache seitens des untragbar gewordenen Ministers.

Mehr zum Thema:

  • Spiegelfechter: Dreckige Panikmache mit schmutzigen Bomben
  • BfS: “Schmutzige Bombe”
  • BfS: Schutz der Bevölkerung vor den Folgen einer Schmutzigen Bombe
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    Herr Schwaner

    erstellt am:
    25. September 2007 12:43

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