Tempelhof und sein Schicksal
Während die Gegner des Flughafens auf die klassischen Schichtsressentiments setzt, in dem es auf Plakaten die alleinerziehende Mutter verheizt, den Bauarbeiter hervorholt oder die rüstige Rentnerin sprechen lässt, die alle keine Lust haben, für einen Privatflugplatz für Reiche zu zahlen, setzt die Befürworterseite rund um die Wirtschaftsverbände und vor allen Dingen der Berliner CDU auf Altbewährtes: Auf den Plakaten prangt die Hungerharke, das Denkmal, dass vor dem zentralen Eingang an die Leistungen der Luftbrücke zu Zeiten der Sperrung West-Berlins durch die Sowjetmacht erinnert. Und so ist auch der Tenor der Kampagne: Die Berliner seien sich mehr oder weniger einig, dass doch Tempelhof geöffnet bleiben müsse, schließlich sei Tempelhof doch gerade Berlin — wegen seiner Historie. Ganz banal: “Berlin hat, was sonst keine Stadt hat: Tempelhof” Ja, ratet mal, warum.
Alles Schwachsinn, wie ich als Berliner finde. Denn Berlin braucht weniger einen Business- und Privatjetflughafen, als endlich für die direkten Anwohner des Flughafens und der Einflugsschneise Ruhe. Seit 1923 trampeln die Flugzeuge dort den Menschen auf den Nerven herum. Mit dem Umbau von Schönefeld zum Großflughafen werden die beiden kleineren Flughäfen Tempelhof und Tegel vollkommen irrelevant. Warum nicht alle Kräfte in Schönefeld konzentrieren, um wirklich EIN erfolgreiches Unternehmen aus dem BBI zu machen? Der zentrale Hauptbahnhof der Bahn ist von den täglichen Publikumszahlen her schließlich auch zum Erfolg geworden. Trotz aller Unkenrufe, der Bahnhof stehe in der Pampa.
Zumal: Geschichte ist Geschichte. So groß das Symbol Tempelhof in West-Berlin auch an die Luftbrücke und die gewonnene Freiheit erinnerte, es ist Zeit für Berlin, nach vorne zu schauen und Möglichkeiten zu entdecken, anstatt an verlorene Zeiten zurück zu denken. Für die Planungen, die sich nach dem Ende des Flugverkehrs für das riesige Areal ergeben, kann ich nur hoffen, dass die Stadtväter in der Lage sind, urbanes Leben zu schaffen, in dem Leben und Arbeiten möglich ist. Nichts wäre fataler, als nur wieder Wohnen im Grünen zu propagieren und Wohnblöcke aus dem Boden zu stampfen, in denen, trotz Citylage, sich Hase und Fuchs die Hand zum Abendgebet reichen, weil jegliche wirtschaftliche als auch soziokulturelle Infrastruktur fehlt. Hey: Ein Baum vor einer Häuserzeile und das geparkte Auto neben einem Busch lassen kein urbanes Lebensgefühl aufkommen. Und Tempelhof ist eh schon nicht so der Renner, was Urbanität angeht. Ein intelligent angelegtes, urbanes Stadtquartier, das wäre in der Tat etwas, was Tempelhof besser stehen könnte, als das wüste Flugfeld inmitten des Kreuzungspunktes zwischen Tempelhof, Kreuzberg und Neukölln.
Meine Meinung kann am Sonntag also nur NEIN zum Flughafen Tempelhof sein, wenn ich ein Kreuzchen setzen würde. Setze ich aber nicht. Ich habe nämlich bereits vor Wochen in meinem Rathaus direkt gewählt. NEIN, Herr Pflüger, NEIN zu Tempelhof. Eben weil ich Berliner bin.
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