Überall Schnipsel

von Herr Schwaner am 25.02.2009, in: Synapsenfeuer

Ich bin umringt von Schnipseln. Überall quellen sie hervor, sind anhänglich und rennen hinterher, sobald ich mich umdrehe und das Weite suche. Öffne ich einen Block mit buntem Tonzeichenpaper, fallen mir Schnippsel von Schnittmustern entgegen. Setze ich meine Hand nur weniger Zentimeter von der Maus entfernt nieder, greift sofort eine Papphülsette einer Garnrolle nach mir, auf der anderen Seite des Tisches wickelt sich bedächtig ein violettfarbenes Bastbändchen um den kleinen Finger. Sobald ich flüchte, hechten mir rote, grüne, cordene, baumwollene Fadenflusen am Fuß hinterher, die sich heimlich in den Schuh verbissen hatten und sich nun kräftig halten, kurz vor der rettenden Zimmertür springen mir aus dem seitlichen Regal etliche Stofffetzen und vorgeschnittene Kleiderteilchen entgegen und versuchen mir die Sicht zu nehmen, der Computer rülpst laut auf und ich höre, während ich mit den Stoffresten und -zuschnitten auf meinen Augen erbittert kämpfe, wie sich die virtuelle Klappe des Mülleimers auf meinem Desktop öffnet und sich hunderte und aberhunderte von Grafikresten, Codeschnipseln, Videomitschnitten und Musikdateienden geräuschvoll über den Monitor ergießen. Ein Aktenordner fällt aus dem Regal, öffnet sich wie von Geisterhand und Papierfetzen fliegen mir entgegen und überhäufen mich mit Kürzeln, Euro-Zeichen und Umsatzsteuerbeträgen zu je 7 oder 19 Prozent. Ich drehe mich, stolpere, versuche Luft zu schnappen, doch von überall greift es nach mir, will von mir Besitz ergreifen - aus dem nahen Flur fliegen Werbebroschüren der letzten Woche zu mir herüber, große, bereits geöffnete Kartons laufen auf ihren Seitenteilen auf mich zu, unter den Sofas suchen sich abgeschnitte, winzige Papier- und Pappfitzel, die kleine Fingerhände in zurückliegenden Bastelstunden mit kindgerechter Schere schnitten und die der Staubsauger nicht verputzt hatte, ihren Weg zu ihrem Herrn und Meister. Ich falle in den Flur, als sich die Kassetten in den Wohnzimmerregalen verselbständigen und die aufgebrachten Magnetbänder mit Jazzschnipseln von längst vergessenen Radioaufnahmen mich an den Knöcheln fesseln. Sie ziehen mich zurück ins Zimmer. Mir bleibt die Luft weg. Ich gebe auf, die Welt dreht sich und es wird dunkel um mich herum. Die Schnipsel hören auf an mir zu zerren und als sich alles beruhigt hat, beginnen sie, von sich zu erzählen. Einer nach dem anderen. Bedacht. In aller Ordnung. Sehr manierlich.

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Autor:
Herr Schwaner

erstellt am:
25. Februar 2009 18:24

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