Der normalsterbliche Internetnutzer hat sich über solche Fragestellungen noch nie verrückt machen müssen: Online first oder Print first - also gehen Meldungen zuerst in die Verwurstung durch den Online-Amüsierbetrieb oder stecke ich Meldungen erst in den Druck und hoffe, dass sie morgen - bei Erscheinen - noch aktuell genug sind?
Dem Web-1.0 Nutzer - und das ist immer noch die größte Masse - wird diese Fragestellung auch in Zukunft nicht weiter interessieren, denn nie im Leben hat er/sie/es daran gedacht, sich im Internet zu irgendeinem Thema zu partizipieren. Was also den Normalo an der weltweiten Taste nicht sonderlich reizt, interessiert nun neuerdings nicht mehr nur Verlagshäuser, die noch immer ringen, welcher der Redaktionen sie den Vorrang geben, sondern verstärkt den gemeinen Blogger.
Nicht, dass er sich fragt, ob er eine Meldung ins Blog wirft oder doch zuerst in ein Moleskine-Notizbuch niederschreibt. Eher stellt er sich ob des tumoresken Wachsens des SocialWebs die Frage, ob er erst sein Blog für den eigenen Content füttert oder es in den Rachen der Microblogging-Dienste wie Twittr und gefräßigen Social-Networks à la Facebook schiebt.
Online first - klar, aber wohin zuerst?
Logisch - die Arbeit ist einfacher und oft besteht sie nur aus 140 Zeichen oder dem Re-Posten fremder Beiträge, die Reaktion kommt auf dem Fuße in Form von Retweets, Likes und Dislikes oder Kommentaren. Alles wird kürzer: Gedanken, Texte, URLs. Oder wie twitterte neulich einer so schön:
#puh.
Aber: Der Wahn, alles noch schneller und unreflektierter zu veröffentlichen hat seine Schattenseiten. Was seit Jahren als Revolution der klassischen Medien gefeiert wurde, kommt nun auf den Boden zurück: Mit dem Voranschreiten schnelllebiger Dienste gerät das langatmige Blog ins Hintertreffen. Wie voreinst die noch viel langatmigeren klassischen Print-Medien. Das, was die Blogs, die neuen Medien, den klassischen angetan haben, fällt jetzt auf eben genau jene wieder zurück: Die schnelllebigen Dienste lassen die Blogosphäre aussehen, wie einen alten schwerfälligen Elefanten. Die Blogosphäre hat an Schwung verloren. Erst sank kontinuierlich die Zahl der Verlinkungen untereinander und somit auch die Vernetzung, dann die Anzahl der Postings und viele Blogs sind bereits weg oder bleiben ungefüttert. Ungeachtet dessen steigern Social Networks und Microbloggingdienste ihre Mitglieder- und Zugriffszahlen und was früher wohl bedacht in mehrgliedrige Texte verfasst wurde, semmelt sich heute in 140 Zeichen mit Link und Tags versehen viel schneller.
Online first - ja doch. Aber eines sollte jedoch nicht vergessen werden: Unabhängig von den Gründen des Veröffentlichens sollte man sich als kritischer Nutzer stets darüber bewusst sein, dass mit jedem Beitrag, der nicht auf der eigenen Webseite veröffentlicht wird, die Unternehmen jener Dienste mit Kontent, den sie nicht selbst generiert haben, also mit der millionenfachen Leistung anderer, auch ebensoviel verdienen.
Was also bleibt im Zeitalter des Speedpostings? Der unkommentierte Link zu einer Meldung, die doch nur der Onlineredaktion eines klassischen Verlagshauses stammt? Dann hätten wir Blogger das Heft wieder aus der Hand gegeben und hätten uns von der eigenen Revolution als ihre Kinder auffressen lassen.
Das wäre sehr schade.